Marcel Hiller — Der Himmelblaue Speck

TEXT JAN FISCHER

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An Eine Alte Freundin 

12. Mai 2068

Grüß Dich, ma petite. Wie lange habe ich Dir nicht geschrieben, liebe Freundin. Seit unserer letzten Korrespondenz hat sich einiges verändert. Ich durchreise nunmehr 6 Tage Jakutien, auf der Suche nach denjenigen, die sie die „Skriptoren“ nennen. Einige Geistesgrößen, so ist mir zu Gehör gekommen, haben das Labor bereits verlassen. In der Hoffnung meiner Odyssee, nun doch noch ein wenig der blauen Pollenkörner abgewinnen zu können, erforsche ich zugefrorene Sumpfgebiete nahe des Arktischen Ozeans.   

 

20. Mai 2068

Meine liebe Freundin, unzählige Tage des Suchens führten mich in ein abgelegene Siedlung Namens Mirny. Sie gehört zu den kältesten bewohnten Orten des Planeten. Wenige Bewohnerinnen versorgten mich mit dem nötigen Proviant, und stimmten mich zuversichtlich. Mein Ziel sei nicht weit entfernt. Ich hoffe ich kann Dir bald mehr berichten… 

27. Mai 2068

Meine liebe Freundin, ich bin an einem Ort angekommen, welchen ich mir undogmatischer sowie derangierter, nicht vorzustellen gewagt hätte. Meine Wegbegleiterinnen zogen es vor, sich nicht dreinzumischen. Und doch habe ich mich selten so beisammen gefühlt. Aber der Reihe nach. Ich befinde mich in einem Nicht Raum. Den Grundstein dieses Nicht Raums bilden neun Kuhlen in verschiedenen Tiefen. Rundum erstreckt sich ein Gemisch aus Gegenständen, welche präzise eine räumliche Erzählstruktur schaffen. Gruppiert wirken Sie wie temporäre Skulpturen und unterstreichen spürbar eine offensichtlich vergangene Existenz.

Das Zentrum bildet die Krone eines Zitronenbaumes. Vier Hocker stehen unversehrt daneben. Mit Ausnahme dieser Kerbe, dominiert ein bedrohliches Klima die restliche Szenerie. Eine Frau starrt, vom Baume abgewendet, gedankenlos in ein eiskalt loderndes Inferno. Verdorbene Lebensmittel, beschädigte Schutzhelme sowie Gasmasken liegen frei, geradezu fahrig verteilt herum. Sie wirken als bestimmten sie neue Verhältnisse zwischen Raum & Mensch und fragen nach der Nutzbarkeit des Raumes. Während ich schrittweise den Ort inspiziere, fallen mir weitere Objekte ins Auge, welche menschlichen Aufenthalt vermuten lassen. Doch weniger vermitteln sie eine ‚Lichte Zukunft‘, als viel eher eine blutrünstige Vergangenheit. Ein altes Familienfoto liegt zurückgelassen im Raum, und wird beinahe gänzlich von Atemschutz-Filtern bedeckt. Eine weitere Nische wird mit einem alten Schlafsack sowie einem Wasserkocher bespielt. Eine Frau starrt zufrieden ins nichts. Doch wirkt ihre Gelassenheit gekünstelt. Ich muss zugeben, liebe Freundin, dass allgemein vieles an diesem Ort eher deformiert als imitiert scheint. 

Dort vorn hat jemand seine Tasche stehen lassen. Ob sich zumindest hierin etwas findet, was mich auf die Bewohnerinnen schließen lässt? Einzelne Geldbörsen steigen ihr hervor. Es verhält sich, als würden Sie den Raum in irgendeiner Form nähren.

Plötzlich scheint sich das Unheil langsam aufzulösen. Das Inferno wird kleiner. Ich stelle mich vorsichtig auf die Leiter und beginne den Abstieg. Den Grund sehe ich nicht. Plötzlich vernehme ich einen gewaltigen Knall und kann trotz dessen das Gefühl nicht loslassen, dass am Ende alles gut wird.